Tuesday, February 5, 2013

über deutsche Gründlichkeit gepaart mit Balkanero-Gelassenheit...

Die Überschrift bezieht sich auf meine Selbstdefinition "deutsches Hirn, bosnische Seele". Nicht, dass ich den Deutschen die Seele absprechen will aber im direkten Vergleich siegen die Balkaneros.
Ist vom Balkan die Rede, denke ich als erstes an Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Großzügigkeit. Ganz krass habe ich das während meiner Schulzeit gemerkt. Immer wenn ich Freunde mitbrachte, empfing sie meine Mutter nicht mit der Frage: Wollt Ihr was essen? sondern Was wollt Ihr essen? Während ich bei deutschen Freunden schon froh sein konnte, wenn man mir ein Glas Wasser anbot:-) Eine typische Situation, wenn wir unterwegs waren: War ich mit deutschen Freunden zusammen, hatte jeder seine Schachtel Zigaretten, die man brav für sich rauchte, während es bei meinen ausländischen Freunden egal war, wer wessen Zigaretten rauchte und ob man überhaupt welche dabei hatte. Familie ist auch so ein Thema: ich kenne keine Balkanero- Familie, die ihr Kind mit 18 sich selbst überlässt, weil es ja nun volljährig ist, im Gegenteil: Studium oder Arbeitsplatz in einer anderen Stadt und Hochzeit sind die zwei einzigen Begründungen, die einen Auszug aus dem elterlichen Nest rechtfertigen :-) Überhaupt sind Familie und Gott das Wichtigste für uns, was ich sehr schön finde, so old school das jetzt auch klingt. Denn Familie heißt für mich nicht, sich an Weihnachten zu besuchen oder Geburtstagsgeschenke vorbeizubringen. Familie ist für mich der sprichwörtliche Fels in der Brandung, der sichere Hafen der Ruhe, wenn mal wieder alles drunter und drüber geht und das Chaos regiert. Als mein Vater im Krankenhaus lag, wunderte sich eine deutsche Arbeitskollegin, wieso ich ihn jeden Abend besuche und dort übernachte. Ob denn sonntags nicht reichen würde? war ihre erstaunte und erstaunliche Frage. Erstaunlich für mich deswegen, weil es mein Vater und nicht irgendein Bekannter war, von dem wir redeten.
Ist vom Balkan die Rede, denke ich an "merak", für das ich leider immer noch keinen passenden deutschen Begriff gefunden habe und den Genuss des Moments beinhaltet, das "süße Nichtstun" nennen es die Italiener.
Ist vom Balkan die Rede, denke ich an die Gelassenheit, die in unserer Mentalität verwurzelt ist, an die stoische Ruhe, mit der wir Situationen, Ereignisse hinnehmen und erstmal abwarten, was denn weiter passiert.
Ist vom Balkan die Rede, denke ich  aber auch an Korruption, Unverbindlichkeit und Unzuverlässigkeit, die sich dann ergibt, wenn die oben erwähnte Gelassenheit ausartet. Würde ich jetzt nach Bosnien ziehen, bräuchte ich sicher erst einmal ein gutes Jahr, um mich daran zu gewöhnen, dass es keine Mülltrennung, Strassenverkehrsordnung, geregelte Öffnungszeiten bei Ämtern gibt. Oder dass bestimmte Jobs nicht die. mit den besten Zeugnissen sondern die, mit den engsten Verwandten an der richtigen Stelle bekommen. Oder dass Kostenvoranschläge von Handwerkern ebenso wie ihre Terminzusagen eigentlich nichts wert sind. Wegen solchen Sachen lebe ich gerne in Deutschland, da kann ich mich wenigstens darauf verlassen, dass ich bei grün auch tatsächlich über die Strasse gehen kann oder der Zebrastreifen seinen eigentlichen Zweck erfüllt...Und einmal mehr lache ich gerade über mich selber, weil ich mal wieder tief in die Klischee-Kiste gegriffen habe, seht es mir nach, bitte, ich spreche aus leidvoller Erfahrung :-D
" Deutsche Gründlichkeit gepaart mit Balkanero-Gelassenheit" hat sich bei mir im Alltag gut bewährt und ist etwas was ich beiden wünsche: Den Deutschen mehr Gelassenheit, den Balkaneros mehr Gründlichkeit :-)

mariasimoneidejhs