Friday, February 22, 2013

Balkan-Lieblingsbuch "Der Derwisch und der Tod"

Ich habe keine zwei Herzen, eins das hasst und eins, das liebt. Das eine Herz, das ich habe, kennt nur Trauer. Mein Leben, mein Tod gehört Gott, doch meine Trauer gehört nur mir"  
Wie verhalten sich Menschen in Zeiten der Unterdrückung und Rechtlosigkeit? Wie stellen sich die religiösen Führer zu den Rechtsbrüchen und Verbrechen der weltlichen Führer? 
Mit diesen Fragen beschäftigt sich Mesa Selimovic in "Der Derwisch und der Tod". Im Mittelpunkt seines Romans steht ein Derwisch, religiöse Respektsperson, der in einem Derwischkloster (tekija) zurückgezogen lebt und sich vom weltlichen Treiben möglichst fernhält. Eines Tages wird er unmittelbar mit der Unterdrückung durch die Machthaber konfrontiert, als ein Gefangener seinen Bewachern entwischt und gehetzt Zuflucht bei dem Derwisch sucht. Nur durch unentschlossenes Nichtstun ermöglicht er dem Flüchtling das Überleben. Als zur gleichen Zeit sein eigener Bruder in die Mühlen der Willkür gerät, versucht der Derwisch, sein Wissen um die Schwächen der Menschen zur Rettung seines Bruders einzusetzen. Doch selbst menschlicher Verrat kann die Ermordung seines Bruders nicht verhindern.Von diesem Moment an ändert sich das Leben des Derwisch: seine so lange bewahrte innere Ruhe erweist sich ihm immer mehr als Flucht vor der Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen und als Feigheit vor den Forderungen des Lebens. Als eine öffentliche Äußerung der Trauer über die Ermordung seines Bruders ihn selbst in die Einzelhaft einer dunklen, feuchten Zelle führt, beginnt der innere Konflikt in ihm an Schärfe zu gewinnen.
Im Mittelpunkt seiner inneren Kämpfe steht immer wieder der Konflikt zwischen dem Gehorsam gegenüber den Forderungen des Koran und den unhaltbaren gesellschaftlichen und politischen Zuständen. Selimovic schildert die innere Situation eines Volkes, das zwischen den muslimischen Reich der Türken und dem abendländischen Christentum zerrieben wird. Die Heimatlosigkeit und Hoffnungslosigkeit einer weitgehend desorientierten Gesellschaft schlägt sich in Fatalismus und Emigration in die Religiosität nieder. 
Die eigentliche Handlung schreitet nur sehr langsam voran und schlägt sich mehr in den inneren Kämpfen des Protagonisten nieder. Melancholie und verzweifelte Ergebenheit in das Schicksal prägen die inneren Monologe des Derwischs. 
Wer sich an dieses Buch wagt, sollte sich Zeit dafür nehmen und von vornherein die Vorstellung einer spannenden Handlung aufgeben. Er erhält dafür Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Volkes an der Nahtstelle zweier Kulturen.
Wer zu faul zum Lesen ist, hier der Film: Dervis i smrt

Mesa Selimovic besuchte in seiner Geburtsstadt Tuzla das Gymnasium und schrieb sich 1930 an der Philosophischen Fakultät der Universität Belgrad ein. Seinen Abschluss machte er dort 1934 und arbeitete bis 1941 an Schulen in Tuzla. Dort erlebte er auch die ersten zwei Jahre des 2. Weltkriegs. Im Mai 1943 floh er in befreites Gebiet und schloss sich dort den Partisanen an. Ab 1947 lebte Selimović in Sarajevo und arbeitete dort als Professor an der Pädagogischen Fakultät, künstlerischer Leiter von Bosna-Film, Direktor des Nationaltheaters und Redakteur bei dem Verlag Svjetlost. 
Selimovics Ethnizität führte, besonders seit dem Zerfall Jugoslawiens, immer wieder zu Kontroversen. Wenngleich er in Bosnien als Kind einer muslimischen Familie zur Welt kam, betonte er zu verschiedenen Gelegenheiten, dass er Serbe ist. In seinen Memoiren Sjećanja schreibt er, dass er die Wurzeln seiner Familie bis zur serbisch-orthodoxen Drobnjaci-Sippe in der östlichen Herzegovina zurückverfolgen konnte. Selimović wurde mehrfach für den Nobelpreis vorgeschlagen, erhielt ihn jedoch nie.

mariasimoneidejhs