Friday, April 26, 2013

Da misch ich mich nicht ein! Meine Spielplatzregeln

Heute begebe ich mich mal auf dünnes Eis, aber ich würde mich freuen, wenn Ihr trotzdem statt mit einem "die spinnt" wegzuclicken mit mir diskutieren würdet.

Bis vor einigen Monaten habe ich Spielplätze gehasst. Die Stimmung dort war mir irgendwie unangenehm. Als Spielplatzmutter-Anfängerin habe ich ja erstmal nur das Geschehen aufgenommen und fand es so ätzend, dass ich beschloss, irgendwann doch mal unseren Garten zu entwildern, damit der Sohn da schön spielen kann.

Inzwischen gehe ich deutlich selbstbewußter auf den Spielplatz. Vermutlich geht die ein oder andere Mutter abends nach Hause und sagt zu ihrem Mann: "Da war wieder die Mutter mit dem wilden Kind, das hat uns die Schaufel weggenommen und die sagt nichtmal was!!", aber das juckt mich nicht mehr.

Hier sind meine Spielplatzregeln:

1. Ich mische mich nicht ein
Konfliktfähigkeit kann ich meinem Sohn nicht durch Erzählungen beibringen, das muss er sich erarbeiten! Kinder streiten sich, das muss so sein. Ich kann als Mutter nicht bei jedem kleinen Streit dazwischen gehen. Ich hasse es, wenn andere Eltern sofort aufspringen und sich einmischen:"Jetzt musst Du aber die Schaufel mal abgeben." "Komm, dann nimm Du doch das Eimerchen"... Ich halte Streitigkeiten auf dem Spielplatz für eine wichtige Form der Sozialisierung. Natürlich wird schnell mal geweint, wenn ein anderes Kind sich auf der Rutsche vorgedrängelt hat oder ein Spielzeug weggenommen hat. Aber das können zumindest größere Kleinkinder alleine regeln. Auf ihre Weise. Wenn ich immer sofort angerast komme und mein Kind in seinem Konflikt unterstütze, was wird dann aus ihm. Ein Ja-Sager? Ein Duckmäuser? Einer, der immer darauf wartet, dass jemand anderes das Wort ergreift, so dass er bloß nicht selber sprechen muss?

Wenn es natürlich zu schlimm wird, dann bin ich für meinen Sohn da. Wenn er bitterlich weint, und das mehr als ein Protest-Weinen ist. Und auch, wenn er sich hilfesuchend nach mir umschaut. Oft ist das aber gar nicht der Fall, oft erwartet er gar nicht, dass Mama einspringt. Warum sollte ich das dann tun??

2. Ich lasse kleine Handgreiflichkeiten zu
Als Kind war ich positiv ausgedrückt extrem durchsetzungsstark. Eine Freundin aus Sandkastenzeiten behauptet scherzhaft, sie habe bis heute Narben von mir. Heute bin ich in der Lage, Konflikte zu lösen, ohne an den Haaren zu ziehen. Obwohl ich bei der Kollegin aus der Nachbarabteilung schon hin und wieder zucke...
Ganz ohne an den Haaren  zu ziehen, Kratzen, Beißen, Schubsen...geht es aber doch im Kleinkindalter nicht. Ich halte es für ok, wenn Kinder sich auch auf diese Weise ausprobieren. Wenn mein Sohn sieht, dass er ein anderes Kind zum Weinen gebracht hat, dann ist er ganz betroffen und tröstet das Kind. Er selber muss ja auch häufig Handgreiflichkeiten einstecken und hat schon gemerkt, dass das nicht so schön ist. Ich finde es wichtig, dass Kinder nicht nur von ihren Eltern hören, wie falsch körperliche Gewalt ist, sondern dass sie es auch mal erleben. 

Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen. Handgreiflichkeiten, die mehr als nur ein kurzer Ausdruck von  Unmut sind, oder die auch richtig verletzend sind, unterbinde ich selbstverständlich.  Ein Zweijähriger ist alt genug langsam zu lernen, dass man Konflikte mit Worten löst. Das muss ich als Mutter kommunikativ begleiten. Aber ganz ohne Praxis geht es eben nicht. Häufig ist es mit einem kurzen Schubser schon getan und durch mein Eingreifen verlängere ich den Konflikt nur.

3. Ich maßregele meinen Sohn nicht, weil andere das von mir erwarten
Ja, mein Sohn kann schon auch mal fies sein. Wenn er sieht, dass ein anderes Kind ein Spielzeug ergattern möchte, dann schnappt er sich das schnell und gibt es nicht mehr ab. Kinder lösen aber auch solche Konflikte gar nicht so selten ganz selbsständig. Wenn das andere weint, macht es meinem Sohn ja auf Dauer auch keinen Spaß mehr. Oder wenn sich das andere Kind ein anderes Spielzeug nimmt und nicht mehr mit dem Sohn spielen möchte. Im umgekehrten Fall kann ich als Mutter mein weinendes Kind ermutigen, dem anderen Kind seine Wünsche mitzuteilen. Ich würde aber niemals meinem Sohn etwas wieder wegnehmen, was er sich gerade ergattert hat. Das käme mir so vor, als würde ich ihn verraten. Ich muss doch sein Fels in der Brandung  sein. Ich muss ihm Dinge erklären, aber ich regele keinen Konflikt, indem ich mich auf die Seite eines anderen Kindes und dessen Mutter stelle.

4. Ich erziehe nicht die Kinder anderer Leute
Richtig wütend werde ich ja, wenn eine andere Mutter meinem Kind sagt: "Die...möchte jetzt aber auch mal schaukeln. Du musst die jetzt auch mal dran lassen!", oder ähnliche Weisheiten. Die soll lieber ihrem Kind beibringen, sich selber zu artikulieren. Aber Finger weg von meinem Sohn! Anders ist das aber, wenn der Sohn übers Ziel hinaus schießt. Dann finde ich es ok, wenn er auch von anderen Erwachsenen hört, dass das nicht in Ordnung ist. Aber bitte mit Respekt und nicht  bei jeder Kleinigkeit. Unter Erwachsenen maßregelt man sich ja auch nicht untereinander.

5. Sandsachen sind für alle da
Ich hasse dieses Rumgeeier um Sandsachen. Eltern sehen das häufig so: Jeder hat sein Spielzeug. Wenn jemand anderes damit spielen möchte, muss er erst fragen. Nach dem Motto: Ich will ja auch nicht, dass sich andere Leute einfach mein Handy nehmen. Finde ich quatsch. Im Sandkasten wimmelt es von Spielsachen. Die Kinder bedienen sich meist kreuz und quer und neimand hat ein Problem. Man muss es ja nicht übertreiben! Wenn mein Sohn begeistert nach einer Schaufel greift brülle ich nicht: "Das gehört uns nicht, da musst Du erst fragen, ob Du das mal haben darfst." Im Sandkasten geht es eher zu, wie auf einer Party, auf der jeder etwas fürs Buffet mitbringt. Da sage ich auch nicht zu meinem Mann: "Den Nudelsalat hat aber Sabine gemacht, da musst Du erst fragen, ob Du das darftst!"
Es gibt natürlich andere Situationen, z.B. wenn es um besondere Spielsachen geht. Aber da gilt für mich wieder Punkt 1.

Mein Sohn verhält sich auf dem Spielplatz meist sehr selbstbewußt. Das ist manchmal blöd für andere Kinder, aber es muss eben auch nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen sein. Ich schaue mir daher alles meistens nur an und greife erst ein, wenn es zu heftig wird, oder wenn mein Sohn mir zeigt, dass er mich braucht (durch hilfesuchendes Anschauen, starkes Weinen...) 
Ich begleite Konfliktsituationen durch Erklärungen, und bringe ihm bei, dass man nicht hauen muss, sondern sagen soll "Ich möchte das nicht..." Aber ich bin dafür, dass Kinder sich auf dem Spielplatz benehmen dürfen, wie Kinder. 

Wir können getrost öfter einfach auf der Bank sitzen bleiben. Die Kinder regeln das schon. Ich traue denen das zu!

So, jetzt habe ich den ein oder anderen schockiert, oder? Bin sehr gespannt auf Eure Meinungen und Erfahrungen.

Ach ja, ein echter Spielplatzfan wird aus mir wohl niemals werden. Deswegen wird diese Woche doch endlich der Garten gemacht und der Sohn bekommt ein Klettergerüst.

Eure Mia


mariasimoneidejhs